L. Manfred Lecher

LUST AM SEHEN

 

Wer glaubt, "zusehen" hätte etwas mit Passivität zu tun, der hat fürs erste einmal zweifelsohne recht: Auf alle Fälle ist "zusehen" mit Distanz, mit Abstand verbunden, mit vorrangiger Teilnahmslosigkeit. Der ausgegrenzte Beobachter, das Publikum kann und darf zusehen. In abwartender Zurückhaltung sieht der Zuseher das Geschehen objektiv, das heisst, er sieht das, was ausserhalb des subjektiven Bewusstseins der Agierenden zu sehen ist. Daran, was auch immer hier und dort zu sehen ist, wird der passionierte, leidenschaftliche Zuseher Lust finden: Lust am Zusehen, Lust auf Zusehen, Voyeurismus.

Selbst das Reflektieren, das Widerspiegeln, Aufnehmen und Verarbeiten des Gesehenen/Geschehenen an sich ist noch keine Aktivität. Es ist ein logischer Prozess, der mit dem Zusehen automatisch verbunden ist. Punkt.

Zum anderen und zweiten liegt aber im Zusehen auch ein aktiver Part: die Agierenden, die also, denen zugesehen wird, werden müssen - bewusst oder unbewusst - ihrerseits zu Reflektoren werden, die sich in ihrer Subjektivität, ihrer Aktivität exhibitionieren. Im täglichen "Sich-zur-Schau-stellen", "Sich-zusehen-lassen-müssen" liegt die Nahrung für den Voyeur. Dieser sucht, bindet, selektiert, verschlingt das, was ihm vor Augen geführt wird. Eine rege Tätigkeit von Wirkung und Wechselwirkung setzt er in Gang, indem er als Beobachter nicht unerkannt bleibt: er applaudiert, er pfeift, er geht, er kommt, er sieht zu. Er ist einer jener  Beobachter des Alltagsexhibitionismus. Der selbst deklarierte Einzelgänger findet seine Bilder und Akteure da, wo er will. Er bleibt im Hintergrund, wirft, wenn überhaupt, dann von abseits etwas ein und wartet ab ...   

Ruth Auer, Vernissage



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